Wenn es um das Thema Selbstverteidigung geht, ist der unbedingte Wunsch der meisten Menschen verständlicherweise diese sofort und umfassend zu lernen. Dafür bietet sich ein Selbstverteidigungskurs an. Ich will mich im nachfolgenden mit der Frage beschäftigen, wie sinnig oder unsinnig ein solcher Selbstverteidigungskurs eigentlich ist.

Die Welt der Selbstverteidigungskurse

Selbstverteidigungskurs

 

 

 

 

 

 

 

 

Mir ist aufgefallen, dass seit Januar mittlerweile fast jedes Fitnessstudio einen Selbstverteidigungskurs anbietet. Dieser wird im Regelfall wie folgt beworben: „Lernen Sie in einem 5 stündigen Kurs sich in Notsituationen effektiv zu verteidigen.“ So ein Versprechen klingt natürlich sehr attraktiv, man muss mal den einen Tag investieren, aber danach kann ich doch auch Selbstverteidigung oder? Einhergehend mit diesem Versprechen werden dann oft Kampfkünste wie Aikido, Wing Tsun oder Karate genannt, die aufgrund ihrer langen Tradition wohl besonders wirksam zu sein scheinen, sonst würde man sie ja heute nicht immer noch lehren, oder?

Wie lange dauert ein effektiver Selbstverteidigungskurs

Ich möchte zunächst mal auf die Frage eingehen, ob es überhaupt möglich ist, eine relevante Anzahl von Techniken in 5 Stunden zu lernen. Da ein solcher Selbstverteidigungskurs im Regelfall ein-, maximal zweitägig ist, würde ich mal mit einer effektiven zeit von 10 Stunden rechnen. Was genau wird in diesen 10 Stunden gemacht?

In den Kursen, die ich bisher besucht habe, wird zunächst ein kleines Erwärmungsspiel vorgenommen, dass sich, je nach Komplexität, von 15 bis 30 Minuten ausdehnt. Danach werden die Grundlagen geklärt. Das ist sehr sinnvoll, da viele der Teilnehmer des Kurses noch nie Kampfsport gemacht haben und weder richtig zu schlagen, noch zu treten wissen. Nun, nachdem mindestens 2 Stunden vergangen sind, wird sich der eigentlichen Selbstverteidigung zugewandt. Hier wird meist mit einigen Beispielen von Notsituationen begonnen, in denen den Teilnehmern das richtige Mind Set für einen Kampf vermittelt werden soll. Ich halte übrigens selbst regelmäßig ein Webinar zu dem Thema „Die Psychologie des Kampfes“ ab. Die Teilnahme ist kostenfrei und für jeden möglich. Hier gehts zu dem Webinar.

Letztlich sind bereits 4 Stunden um, bevor die erste richtige Selbstverteidigungstechnik gelehrt wird. Dabei werden meist exemplarisch einige grundlegende Angriffe, wie der Schwitzkasten, der Faustschlag oder die Würge behandelt. Das erachte ich als durchaus sinnvoll, weil diese Techniken tatsächlich oft in der Realität vorkommen. Hier liegt nun aber der große Fehler der Teilnehmer.

Die richtige Technik Anwendung

Selbstverteidigungskurs

 

 

 

 

 

 

Direkt vorweg, es ist nicht möglich, komplexe Selbstverteidigung in 10 Stunden zu erlernen. Gerade wenn der Kurs auf Wing Tsun oder Aikido aufbaut, sind etliche Stunden notwendig, bevor man ein halbwegs umfassendes Wissen vorweisen kann. Ich spreche da aus Erfahrung. Ich habe selbst hunderte Stunden Wing Tsun trainiert und alleine die Grundlagen dauerten einige Monate. Das Problem an diesen Kampfkünsten ist, dass die Bewegungen oft sehr unnatürlich sind. Es ist aber notwendig, sich diese Bewegungen einzuverleiben, damit du sie auch in einer Notsituation anwenden kannst. Dieser Prozess dauert aber sehr lange. Man sagt, dass man eine Technik 1000 Mal wiederholen muss, bevor sie in „Fleisch und Blut“ übergeht. Du wirst die Techniken in einem 10 stündigen Kurs aber maximal einige dutzend Male trainieren und das auch nur, wenn besonderer Wert auf diese Technik gelegt und deshalb besonders viel zeit investiert wird.

Wie realistisch sind Selbstverteidigungskurse?

Sind Crash Kurse also unrealistisch?

Ich halte 10-Stunden Crash Kurse tatsächlich für unrealistisch. Was man aus solchen Kursen mitnehmen kann sind meist nicht mehr als ein paar Gedankenschnipsel. Um wirklich effektiv und realistisch Selbstverteidigung zu lernen und später auch anwenden zu können, sind wöchentliches Training, sowie ein extrem strukturierter und durchgeplanter Trainingsplan notwendig. Trotzdem gibt es Systeme, die die Grundlage für derartige „funktionierende Crash-Kurse“ bieten. Nachdem ich lange Zeit Wing Tsun trainiert hatte, lernte ich auch das System Krav Maga kennen und auch wenn mich dessen Unkonventionalität anfangs abschreckte, muss ich sagen, dass es für die Selbstverteidigung wesentlich besser geeignet ist als Wing Tsun. Es basiert auf natürlichen Reflexen und hochgradig effektiven Techniken, weswegen es weniger Zeit zum Erlernen benötigt. Trotzdem ist auch bei diesem System mindestens zweimal Training pro Woche notwendig, um es wirklich zu erlernen und auch anwenden zu können.

Ist ein Selbstverteidigungskurs also unrealistisch?

Letztendlich kann ich sagen, dass ein mehrwöchiger Kurs, wenn er gut konzeptioniert und geplant ist und sowohl Psyche, also auch Technikelemente enthält durchaus sinnvoll und realistisch sein kann. Es ist durchaus möglich in wenigen Wochen effektive Selbstverteidigung zu erlernen und das Gelernte auch wirklich zu behalten. Es ist letztlich sogar sinnvoller einen 10 stündigen Crash Kurs zu belegen, als sich überhaupt nicht mit dem Thema zu beschäftigen, da auch hier Halbwissen dir in einer Notsituation das Leben retten kann.